INGRID BÜRGER / EBERHARD FREUDENREICH / HANNELORE WEITBRECHT

FASZINIERENDE OBJEKTE UND BILDER AUS PAPIER


„Papier ist Papier, aber es ist auch ein Weg zu den Sternen, zu Sinnbild und Sinn, blinden Geheimnissen und zu den Menschen.“  Rosa Ausländer

Aktuelle Kunstausstellung 27.09. – 8.11.2020

Ingrid Bürger, Hannelore Weitbrecht und Eberhard Freudenreich nutzen konsequent und auf ihre ganz eigene Art und Weise das sinnliche und haptische Material Papier nicht als Träger für ihr künstlerisches Schaffen, sondern stellen das Papier in seiner organischen Materialität als ein eigenständiges Medium in den Mittelpunkt ihrer Werke. Papier ist unendlich variabel und lässt sich in fast jede Form bringen. Es gibt wohl kein zweites Material, das so viele unterschiedliche Eigenschaften vorweist: Papier kann leicht, zart, verletzlich, transparent, jedoch auch hart und rau sein, ebenso dünn oder aber kompakt und stabil. Papier kann zerkleinert, geschnitten, gefaltet, gerissen, ungeformt oder gefärbt werden. Papier besitzt zudem eine große sinnliche Qualität und macht die Ausstellung „Faszinierende Objekte aus Papier“ zu einem besonderen ästhetischen Erlebnis.

Seit über 40 Jahren fasziniert die Neuenbürger Künstlerin Ingrid Bürger der Werkstoff Papier. War anfangs noch die Beschäftigung mit textilen Objekten der Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit, wurde das Experimentieren mit dem Papier nach und nach zu ihrer Haupttätigkeit. Sie arbeitet gerne mit pflanzlichen Fundstücken – z.B. mit ausgetrockneten Blättern von Kakteen oder Baumrinden, die sie auf Reisen oder in ihrer vertrauten Umgebung und der Natur vorfindet. Diese rohen, naturbelassenen Materialien sind auf den ersten Blick unscheinbare Formen und Fragmente, die es aber wert sind, beachtet, gesammelt und künstlerisch verarbeitet zu werden. Sie tragen bereits Spuren einer anderen Vergangenheit und gewinnen hier eine neue, selbstlose Schönheit sowie ein Stück Beständigkeit. Mit ihrem ästhetischen Selbstverständnis, mit ihrer Fragilität und Zerbrechlichkeit fordern sie den Betrachter zu einer unvoreingenommenen Sehweise heraus. Ingrid Bürgers Werke markieren als fragile Zeugnisse einer untergegangenen Kultur Spuren gelebten Lebens und enthalten immer auch reflektierende Momente und Fragen des Überdauerns, des Vergänglichen und Erinnerten.

Die in Kirchheim Teck lebende und arbeitende Künstlerin Hannelore Weitbrecht experimentiert seit Anfang der 90er Jahre mit Papier, zuerst in Verbindung mit der bemalten Leinwand und Pigmenten, bis das Bild zunehmend in den Raum hineinwuchs und sich zum

dreidimensionalen Objekt entwickelte. Nach jahrelangen Experimenten sowohl formaler als auch inhaltlicher Art, kristallisierte es sich immer deutlicher heraus, dass das Papier als autonomes Material sowohl in seiner inneren wie äußeren Struktur für die Künstlerin das best geeignete und vielschichtige Medium ist. Neben dem natürlichen Werkstoff Papier verwendet sie noch weitere, mit der Natur untrennbar verbundene Materialien, so werden Samen, Fruchthülsen, Körner, Schoten und Blätter geschichtet, gebündelt, gereiht oder in einfachen geometrischen Formen angeordnet. Mit diesen Naturmaterialien zeigt Hannelore Weitbrecht Prozesse des Werdens und Vergehens, des Wachsens und Zerfallens auf und fügt auf einzigartige Weise Kunst, Leben und Natur zu einer Art Sinn- und Lebensgemeinschaft zusammen. Es gelingt ihr unser Bewusstsein für den Kreislauf der Natur zu schärfen, damit wir der Natur das zurückgeben, was sie erschaffen hat, um damit den Wiederbeginn auszulösen.

Der Stuttgarter Künstler Eberhard Freudenreich macht sich das vielfältige Material Papier auf eine ganz andere Art und Weise eigen. Aus den anfänglich druckgrafischen Arbeiten auf Papier –  wie Radierungen, Holzschnitte und Linolschnitte – entwickelten sich folgerichtig durch Schneiden und Überlagerungen zweidimensionale Papierschnitte, Schnittcollagen und Schnittschichtungen, die sich aufgrund ihrer starken räumlichen Wirkung immer mehr in den Raum hinein drängten und schließlich die Entstehung dreidimensionaler Raumschichtungen herbeiführten. Aus den gestalterischen Erfahrungen und Möglichkeiten des Faltens entwickelte sich die Werkgruppe „Additionen“. Hier stehen die Faltung und die prozesshafte Arbeitsweise aus Papier im Vordergrund. Die goldfarben oder weiß leuchtenden organisch anmutenden Gebilde faltet der Künstler in unterschiedlichen Ausformungen. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir, dass die biomorphen Körper sich aus den immer gleichen geometrischen Einzelelementen zusammenfügen, die in beliebiger Anzahl aneinandergereiht werden. In der Arbeit „Verschiebbare Raumschichtungen“ sind in einem beidseitig verglasten Objektrahmen farbige Papiere zwischen Glasplatten hintereinander angebracht. Der Betrachter kann durch das individuelle Verschieben der einzelnen Glasplatten zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten durchspielen und als Mitgestalter Einfluss auf das Werk nehmen. Dadurch werden seine Imaginationsfähigkeit und sein gestalterisches Denken angeregt.

Fotografie: Gerd Jütten FOTODESIGN