BIRGIT REHFELDT – SKULPTUR


AUSSTELLUNG // 25. Juli – 31. Oktober 2021

Alltagsköniginnen, Brustschwimmerin, Dampflok Mama, Cook & Chill, Frau von Heute, Frau von Welt, Lebenskarusell und Sonnentänzerin, erstes Begehren und Midlifewife, Nacktschneckenjägerin, Joggerin und Prinzessin auf der Rolle. Und mittendrinn die Waschmaschine, der Laptop, der Herd, der Schreibtisch, der Kochtopf, der Kühlschrank, die Klopapierrollen, die Hefe, der schwangere Bauch und die prallen Brüste, der kleine Kopfstand und die Yogahaltung. Was für ein bunter Alltag! Ihre Figuren sind so faszinierend ehrlich, so wohltuend bodenständig und humorvoll, einfach und wiederum komplex, ganz aus unserem Alltag schöpfend. Die Bildhauerin Birgit Rehfeldt arbeitet ganz ihrem künstlerischen Lebensmotto enstsprechend: „Meine Kunst kommt aus dem Leben heraus, es soll nichts Künstliches im Sinne von gekünstelt darstellen, sondern das alltägliche Leben mit all seinen Herausforderungen thematisieren.

Birgit Rehfeldt ist 1965 in Hamburg geboren. Nach einer dreijährigen Lehre zur Holzbildhauerin in Berchtesgaden kam sie nach Stuttgart an die Staatliche Kunstakademie, wo sie von 1988-1994 Bildhauerei bei Prof. Seemann und Ullmann studierte. Über zahlreiche Einzel-und Gruppenausstellungen hinaus, stehen heute an mehr als 30 Orten im öffentlichen Raum plastische und skulpturale Arbeiten der Künstlerin. Für ihr künstlerisches Lebenswerk ist sie 2020 mit dem Kunstpreis der Sabine Hoffmann Kunststiftung geehrt worden. Birgit Rehfeldt zählt mit ihren prägnanten und eigenständigen künstlerischen Lösungen in der Skulptur zu den bedeutenden Bildhauerinnen im süddeutschen Raum. Seit lebt und arbeitet mit ihrem Mann, dem Bildhauer Uli Gsell in Ostfildern.

Fotografie: © Gerd Jütten l LOOK! Fotodesign
Hohenwart Forum - Kunstausstellung-BIRGIT-REHFELDT
Hohenwart Forum - Kunstausstellung-BIRGIT-REHFELDT
Hohenwart Forum - Kunstausstellung-BIRGIT-REHFELDT
Foto: ©Jürgen Bubeck

In der Hohenwarter Ausstellung zeigt Birgit Rehfeldt mit insgesamt 54 Skulpturen und Plastiken einen großen Ausschnitt aus ihrem bildhauerischen Werk, von frühen Arbeiten aus Bronze wie beispielsweise die “Sonnentämzerin“ (1990) oder ihre kleinformatigen Reliefs (1994) bis hin zu den ganz aktuellen Arbeiten wie „Prinzessin auf der Rolle“ (2021) oder „Coronamahnmal“ (2020). Damit gelang der Künstlerin eine spannende und beeindruckende Präsentation über einen Entwicklungszeitraum von 30 Jahren ihrer bildhauerischen Kunst. Obwohl sie gerne mit Materialien wie Alabaster und Bronze arbeitet, gilt ihre Vorliebe Hölzern, deren außerordentliche Qualität, insbesondere die Farbigkeit, Härte und Standfestigkeit die Bildhauerin immer aufs Neue begeistern. Birgit Rehfeldt bevorzugt heimische Hölzer wie Eiche, Akazie, Linde, Lärche, Thuja oder Birne. Während es die Arbeiten aus Bronze in verschiedenen Formaten geben kann, sind die Arbeiten aus Holz immer an die Dimensionen des Baumstammes gebunden. So bestimmen Radius und Länge des einzelnen Baumstammes das größtmögliche Volumen der Holzskulpturen. Mit dessen Form, Material und nicht zuletzt auch Färbung sind ihre Holzarbeiten untrennbar verbunden. Im Stamm nimmt eine Idee Gestalt an und wird meistens während der Arbeit am Holz auf ihre äußere Form befragt. Durch den rohen Kraftakt mit der Kettensäge entstehen in der Skulptur die ersten Formen, Rundungen und Linien, von denen die jeweilige Figuration abhängig ist und ihr unverwechselbares Erscheinungsbild erhält. Die Künstlerin bearbeitet ihre Holzskulpturen nach dem Rohbehauen mit der Kettensäge weiter, für die feineren Arbeiten kommen das Schnitzeisen, bzw. der Hammer und die Meisel zum Einsatz. Ganz im Sinne der klassischen Schaffung einer Holzskulptur entnimmt Birgit Rehfeldt ihre Werke durch Abtragung bzw. Absägen, eine Schicht nach der anderen, eine herausfordernde geistige, aber vor allem harte körperliche Arbeit. Sie setzt sich in all ihren Formaten und Materialien konsequent mit dem Sujet der menschlichen Figur auseinander. Für sie ist der Mensch das Fundament der Welt, Mittelpunkt von all unseren Erfahrungen, unserem Leben. Sie ist am Menschen und seinem Verhalten interessiert.

Mit ihren Arbeiten tauchen wir in den Alltag und die Welt einer Künstlerin ein, die ihren Alltag bewusst zum Thema ihrer Kunst macht. Da sind immer wieder Frauen: neben den Schwimmerinnen, die Hausfrau und Mutter, die allen Pflichten, aber auch sich selbst gerecht werden will und soll. Davon erzäheln uns die Frauen im Schneidersitz oder im Kopfstand, die in Yoga-Positionen ihre eigene Mitte suchen. Alle Alltagsköniginnen, die den Blick frei geben auf das Leben, ästhetisch und hintergründig. Sie motivieren uns zum Nachdenken und Reflektieren über unseren eigenen Alltag, über all das Geschaffene im alltäglichen Geschäft als Künstlerin, Hausfrau, Mutter und Ehefrau. So schön und zutreffend bringt es der Schweizer Schriftsteller Max Frisch auf den Punkt: „Alltag ist eben nur durch Wunder erträglich“.

Krisztina Jütten M.A.